Giselheid Schulz Ëberlin, Autorin und ihr Bleistift beim Anspitzen

Bleistift-Geschichten – 40 Moment-Skizzen


1) Was, wenn ich täglich nur drei Sätze schreiben dürfte, fragt sich der Bleistift, während sich die Welt um ihn zu drehen beginnt …

 2)… „Wir können das Leben üben“, sagt der Bleistift zum Papier, das mit kleinen überflüssigen Bewegungen raschelt. „Sein Leben hat man im Griff“, grummelt der Anspitzer mit hochgezogener Kurbel. – Unbeobachtet tanzt derweil der Radiergummi ein klein wenig aus der Reihe…

3) Zu viele Worte, zu viele Worte um nichts! Der Radiergummi tanzt, schiebt den Text zusammen und fegt die Reste ins Vergessen.

4) „Wie wird wohl das neue Jahr?“, träumt der Bleistift vor sich hin. „Wie immer, es beginnt großartig; großspurig schreibst du dich runter und wirst immer kleiner dabei und dann bin ich wieder dran“, spricht der Anspitzer lachend und dreht seine Kurbel im Kreis.

 5)… „Fasse dich kurz!“, wirft der Radiergummi herbeispringend ein – „Denn das verlängert dein Dasein!“ Der Bleistift zittert leise und schweigt. Das Papier kräuselt sich sacht.

6) Am Silvestertag. Das Papier knistert, wispert, flüsterte alle seine Seiten durch, wieder und wieder. „Jeder spricht am liebsten über seinesgleichen“, bemerkt der Anspitzer und schwenkt leicht genervt seine Kurbel hin und her …

 7)… „Wer mehr spricht, als ich hören will, den brauche ich nicht!“ Der Radiergummi springt wütend auf von seinem Platz und stürzt sich auf das bestürzt raschelnde Papier …

… Ganz zerknittert bleibt es zurück und glättet nur langsam und leise seine Wortwogen. Der Bleistift nickt erwacht gedankenverloren im Gedankentakt. Die Schere wagt dazu den ersten Scherenschritt …

… Das Papier tanzt geblättert mit, entblättert sich – und im Scheren-schnipp-schnapp-Takt steht es schließlich beinahe nackt auf dem schwarzen Tisch: als Scherenschnitt! Und leise landen die wirbelnden anderen abgeschnitten Buchstaben Schneeflocken gleich …

… Staunen macht sich breit. Und dann folgt Applaus! Die Schere verneigt sich und schreitet mit strahlendem Blick zurück an ihren angestammten Platz.

8) Neujahr. „Frohes Neues Jahr!“, rufen die Büroklammern fröhlich im Chor aus ihrem Eck des Utensilos hervor. „Ja, wieder ein neues Jahr, ein neues Papier, eine neue Geschichte“, spricht der Anspitzer nachdenklich zu sich selbst. Er hat schon viele Jahre und Geschichten gesehen …

… Aufgeweckt und aufgeregt springen die Buntstifte aus ihrer Schachtel. Der alte Schwarze drängt sich vor: „Nichts geht über ein ordentliches Schwarz-Weiß-Denken. Mir gebührt der erste Strich! Nur so bekommt das Neue die richtige Kontur!“ …

… „Viel zu blutleer!“, wirft der Rotstift ein. „Laß mich mal machen, dann kommt Freude auf!“ „Frisches Grün, danach sehnt sich die Natur!, mischt sich der Grasgrüne ein.“ „Schönes warmes Sonnengelb, das erfreut Herz und Gesicht“, erwidert der Gelbe …

… „Weite braucht das Auge, Wasser und Himmel“ spricht verträumt das Blau. 

„Ein Buntstift kommt selten allein“, schnauft der Anspitzer und dreht geräuschvoll seine Kurbel. „Alle in einer Reihe aufstellen! Und dann einer nach dem anderen – hier zu mir!“

8) Die Papiere erwachen als erste an diesem Morgen. Sie knistern leise auf ihrem Stapel und zählen flüsternd ab: „Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich vielleicht, er liebt mich …

… Der Anspitzer dreht leise seine Kurbel und spricht mehr zu sich als zu den anderen: „Ja, ja, da kommt ein schneidiger Typ vorbei und schon beginnt die Aufregung!“ …

… Im Scherenschritt tritt dieser mit glänzenden Augen ins Morgenlicht, grüßt in die Runde und geht seiner Wege. Mit glücklichem Schaudern knistert das Papier. Die Büroklammern versuchen ein verklemmtes Lächeln.

9) „Ich mag Texte, die offen bleiben, unabgeschlossen – wie das Leben“, sagt der Bleistift, nachsinnend über seinem Entwurf …

… Auch das Leben mußt du einmal abschließen – oder es schließt dich ab, erwidert der Radiergummi und wischt sich ein paar Fusseln aus dem Gesicht.

10) Die Stehlampe schwingt leicht zum Takt der Musik. Der Tanz wird eröffnet durch ein schönes Paar.  Er, gut gestählt im kräftigen Scherenschritt. Sie, grazil, in Pastell, beinahe durchsichtig und an ihn angeschmiegt. 

„Sieht sie nicht reizend aus!“, die dicht gedrängten Papiere nicken den Beiden“ zu.  „Japanseide“, bemerken die Büroklammern am Rande. „Tssississ, welche Verschwendung!“

Drei Tänze später steht er selbstbewusst glänzend im Kreis. Sie etwas aufgelöst. Er bringt sie mit geübtem Griff schnipp-schnapp in Form. – 

„Er bringt sie in seine Form“, denkt der Anspitzer seufzend. „Doch ihr scheint es zu gefallen. Naja, – bis sie ihre abgetrennten Teile vermisst. Und dann geht die Suche los nach dem verlorenen Selbst.“ 

„Er bräuchte ein anderes Gegenüber. Eine, mit gewichtigerer Grammatur. Eine, wie unsere graue Pappschachtel hier“, spricht mit gepresster Stimme die größte und dienstälteste Büroklammer ihre Gedanken aus. 

„Die alte Schachtel ist sicher klug genug um kein Interesse an solchem Schönling zu zeigen“, lacht der Anspitzer und schwingt belustigt seine Kurbel hin und her. „Doch wie wär es mit dir – du wärst so eine, an der er sich dann die Zähne ausbeißt.“ 

Die kleinen Büroklammern tuscheln und kichern. „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, bemerkt die große (Büroklammer) schnippisch und verschränkt demonstrativ ihre Arme. Der Anspitzer verkneift sich weitere Worte und schwenkt nur ein klein wenig seine Kurbel hin und her.

11) „Hören Sie auf, mich zu löchern“, schreit die kleine Rechnung aufgebracht. „Datum, Betrag, Rechnungsnummer und Firma“, wiederholt der Locher mit stoischer Ruhe. „Ich tue hier nur meine Pflicht. Ich muß das wissen, damit Sie korrekt abgelegt werden.“ „Ich verlange Schadensersatz und Schmerzensgeld“, schreit sogleich der Mahnbescheid. „Ungeheuerlich, diese gefühllose Behandlung. Da wird man gepiesackt und dann einfach in die Ecke gestellt!“ „Erst die Arbeit, dann das Vergnügen!“, meldet sich wieder der Locher zu Wort. Nebenbei bemerkt, verwende ich Ihre ausgestanzten Randbemerkungen als Konfetti für den Karneval. Also überlegen Sie, was Sie sagen!“ Der Mahnbescheid schnappt nach Luft und klappt hochrot und erschöpft in sich zusammen

12) Der Füller, ist sehr früh erwacht. Er ist der, der die Bleistiftgedanken ins Reine schreibt und dabei mehr oder weniger bei der Vorlage bleibt. So schreibt er sich in den Tag. Die Teekanne serviert dazu den ersten Tee. 

Doch, oh weh! Ein See aus Tee, ergießt sich aus Versehen! Der Füller erstarrt vor Schreck. Die Buchstaben zerfließen, es sprießen neue Verbindungen, I-Punkte werden Sternen gleich. Wortwolken werden Aquarell. 

Schnell eilt das Löschpapier herbei. Der Anspitzer mit einem Blick, erkennt die Kunst im Missgeschick. „Halt! Nein, steh still! Aus meinem Blickwinkel betrachtet –  da ist was dran, das man beachtet in einer Galerie. Herr Füller & Frau Teekanne, signieren Sie!“ 

13) „Wenn es still ist, kann ich leichter atmen, erwachen die Worte und finden sich leise ein auf meinem Papier“, spricht der Bleistift unhörbar zu sich im ersten Morgenlicht. Doch die Worte möchten noch nicht geweckt werden. Der Bleistift schaut in den Himmel. „Wie schön klingt diese Stille!“

Wolken wandern langsam weiter, bilden sich und lösen sich auf. Der Bleistift schaut. „Ich möchte nur schauen – nichts festhalten, Augenblicke fangen und wieder fliegen lassen.“ 

14) Die Kreide ist aus den Ferien zurück. Schönschreibstunde auf dem schwarzen Tisch. Alle Stifte üben:

Schweigen ist schön.

Betrachten ist schön.

Denken ist schön.

Schweigend betrachtend denken ist schön.

Schweigen.

Betrachten.

Denken.

Schreiben ist schön.

15) „Gut radiert ist halb gewonnen!“, schwungvoll springt der Radiergummi in seinen Tag. Der Bleistift blättert derweil wortversunken in seinem Leben. Er lächelt: „Drei Lebensgewohnheiten, die mir niemand nehmen kann: Denken, Schreiben, Ermutigen“.

16) „Das Leben wird erst wieder leicht, wenn nur die schwer wiegenden Gedanken übrig bleiben“, seufzt der Briefbeschwerer nachdrücklich.

17) Der Bleistift liest, lächelt und schreibt: „Ich mag überdachte Worte“. Er zeichnet ihnen ein Haus. Der Rotstift übernimmt die Einwände. 

18) Der Anspitzer tagträumt sich gerade in den Raum, wo die Türen ins Innen und Außen nur angelehnt sind und er fliegen kann – immer; und er dreht dabei leicht seine Kurbel im Kreis.

19) Sonntagmorgen. Die Stille klingt in den Ohren. Sie landet sacht auf dem Rücken des Anspitzers und putzt sich das gelbe Gefieder. Er hält den Atem an und ganz still – obwohl ihre Federspitzen kitzeln.

20) So ein Gezappel, Geplapper, Geklapper aus der Büroklammerecke! Glänzende Wichtigtugeräusche vom anderen Ende des Tisches: im schnipp-schnapp-Takt wird selbstgefällig ein wenig Luft geschnappt und zerschnitten – der übliche Lärm um nichts.

… Der Radiergummi schnippt um die Ecke, schwingt sich auf die Büroklammerschachtel und schlenkert still vergnügt mit den Beinen. „Warum lärmen mit leeren Worten?“, wundert er sich. „Um sich daran festzuhalten, oder um sich einfach selbst zu unterhalten? Verrückte laute Welt!“

21) Wenn ich einen Wunsch frei hätte, denkt sich der Bleistift, „Nichts sagen müssen einen Tag lang – das wär schön!“. Und er senkt seine Spitze tief in die Halterung und schließt die Augen: „Gute Nacht!“.

22) … Bleistiftträume. Zwischenräume. „Ich möchte still sein. Ich möchte ansprechbar sein. Ich möchte zuhören. Und dann werden sich Worte finden lassen. Bleischwer, graphitleicht – vielleicht. Auf weißem Papier, auf weisem Papier – wer weiß …“

23) Die Kreide, die Weichzeichnerin mit den großen Augen, streut ihre Aufmerksamkeit ins Ungefähre, Unverfängliche und Gefällige und im Zweifelsfall: „Schwamm drüber! Das hab’ ich nicht so gemeint.“

24) „Vielleicht muß das Leben mehr schweigend gelebt werden, wenn man des Geschwätzes nicht mächtig ist“, denkt der Bleistift in die Stille der Nacht und beschließt, die geschwätzigen Orte zu meiden. Die Sterne schauen zum Fenster herein. Das Papier raschelt leise träumend.

25) „Gut unangepaßt kann auch passend sein“, schreibt der Füller. Das ist sein Dienstagssatz. 

26) „Vielleicht ist es eine Zumutung, spricht der Bleistift zu sich. „Dieses Wort, das für sich steht und spricht und der Zuhörer nicht bedarf. Das geformt werden wollte, mußte – nur um zu sein.

27) „Ich weiß“, denkt der Bleistift still schreibend: „Das Wort. Es braucht die Öffnung des Raumes, der Situation, die immer eine Öffnung zur Stille ist und eine Er-Öffnung des Hörenden. Dann hat es etwas zu sagen, nur dann.“

28) „Wer sein Alleinstellungsmerkmal sucht, zeigt, dass er noch nicht allein stehen kann“, denkt der Radiergummi während er auf einem Bein quer über den Tisch hopst. 

29) „Wer nicht viel weiß, macht schnell mal alles richtig“, denkt sich der Anspitzer, beißt sich auf die Zähne und dreht einmal geräuschvoll seine Kurbel. Die Büroklammern indessen, die Richtigmacher, halten voller Stolz, die Welt ganz fest in ihren Händen. 

30) „Kritikfähigkeit läßt sich nicht anweisen“, spricht der Anspitzer zu sich, schließt seine Augen und schwenkte müde seine Kurbel. Das Gezänk der Büroklammern gibt keine Ruhe in der Schachtel. 

31) Die große Büroklammer hält den Montagsvortrag. Die Kleinen klappern zustimmend in der Pappschachtel. Der Anspitzer wirft heiter seine Gedankenspäne ein. Doch die Frage nach Fragen war nur rhetorisch gemeint. Die Büroklammern fegen synchron und eilfertig die piksenden Worte hinweg. Zufrieden ärgerlich blitzen ihre Augen. Der Anspitzer schwenkt verwundert und ein wenig melancholisch seine Kurbel hin und her und lächelt dann leise vor sich hin: „Nicht jeder der fragt, will auch hören“.

32) „Wenn du die Dinge loslassen würdest, könntest du fliegen“, spricht der Radiergummi über den Tisch hopsend zur Büroklammer. Doch sie schüttelt nur verkniffen den Kopf und hält sich verbissen fest am Papier.

Der Radiergummi hüpft singend weiter: 

„Was zu dir gehört, wird auf dich warten.

Was dich liebt, kommt mit dir“. 

33) „Nicht nur heute – mir das Leben gönnen, das ich möchte“, denkt der Bleistift und schreibt seinen Satz für diesen Tag. Der Radiergummi schaut ihm zu und nickt.

34) „Wer nicht schweigen und zuhören kann, sollte auch nicht sprechen“, schreibt der Bleistift gedankenverloren  – und genießt sein Bewegen auf dem Papier, seine Morgengymnastik.

35) „Eine letzte Einsamkeit bleibt immer“, schreibt der Bleistift, schaut lächelnd auf und schreibt sich weiter in den Tag.

36) Die Büroklammern klappern und klimpern geschäftig in ihrer Schachtel, schwärmen schließlich in kleinen Grüppchen über den Tisch. Der Anspitzer zieht die Augenbrauen hoch: „Aufmerksamkeit, ja  Aufmerksamkeit – das ist alles, was sie wollen.“

37) „Was hat Bedeutung“, denkt der Bleistift laut. „Es ist an dir, Bedeutung zu geben“, antwortet der Radiergummi.

38)  Ein Brief liegt auf dem Tisch. Ein Blick auf den Absender und der Radiergummi springt vor Glück, drückt ihn an sein kleines Herz und streicht ihn behutsam glatt. Worte des wiedergefundendenen Freundes – welch ein Schatz! …

… Jede Freundschaft hat ihre eigene Sprache, ihr eigenes Schweigen und ihre eigene Poesie des Berührens.

39) „Da läßt sich nicht mehr viel machen“, spricht der Anspitzer ruhig und fast zärtlich. „Einmal noch ist möglich. Halte dich gut fest“. Der Bleistift holt tief Luft und vertraut sich dem geübten Freund an. Noch einmal dreht sich die Welt um ihn. Dann setzt ihn der Anspitzer behutsam auf den Tisch. Und der Bleistift schweigt nachdenklich eine Nacht und einen Tag und setzt dann an für seinen letzten Satz: Ich bin dankbar für jeden Mom …

Nachwort:

40) „Gott?

Vielleicht war am Anfang das Wort“, denkt der Radiergummi laut. „Doch letztlich bleibt von allen Religionen nur ihr Schweigen, und Gott – …“

„… hat sich aufgelöst ins Leben“, ergänzt die Teekanne lächelnd.

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