Schattenwurf der Bäume auf dem Göttinger Rathausplatz

A wie Aufmerksamkeit

Aufmerken. Etwas Merken. Bemerken.

Die Aufmerksamkeit darauf richten. Verweilen. Einen Augenblick lang. Einen Aufmerksamkeitsaugenblick lang – oder auch „gefesselt“ werden und nicht mehr los kommen. Gerichtete konzentrierte Aufmerksamkeit. Mit ganzer Konzentration.

Ich mag das stille Betrachten

und das sich unaufgeregt Zeigende. Ja, und auch das Irritierende, das mich stutzen und mitunter lächeln läßt. Das Ungewohnte, das neues Betrachten fordert, etwas in einen anderen Kontext setzt, aus dem Rahmen fällt. Ich mag, wo mit Worten gespielt wird, mit Vertrautem experimentiert wird. Ich mag es, wenn die Emotion dahinter spürbar ist, das Leben und das Erlebte und damit der Mensch hinter dem Gesagten, Geschriebenen, Gestalteten. Und ich mag die Aufmerksamkeit auf die alltäglichen Begegnungen und Beobachtungen, auf das am Wegrand Wartende. Ich mag es, Bäume anzuschauen im Wechsel der Jahreszeiten. Ich mag die Schönheit von Blühen und Vergehen. Ich mag Strukturen. Ich mag das Spiel der Schatten. Ich mag es, Zeit zu haben für Worte und Menschen.

Ich mag es, mir Aufmerksamkeit zu geben.

Ich genieße es, langsam zu erwachen. Traumreste und erste Worte mitzunehmen in den Morgen, in den Tag.  Und dann am Lieblingsplatz sitzen. Die unberührte Stille genießen mit Blick in die Weite über die Dächer der Stadt. Warten, wovon meine Aufmerksamkeit angezogen wird: Die Raben im Morgenflug, der Himmel mit zusammengeschobenem Wolkentuch. Und in den ersten poetischen Sätzen, in der ersten Stunde beim Tee, mein Innen und Außen zusammenfügen.

Ich möchte aufmerksam sein.

Ich möchte meine volle Aufmerksamkeit richten auf das, was ich tue. Und um das zu können, brauche ich Zeiten der Stille. Ich brauche mein Zimmer mit seinen weißen bilderlosen Wänden. Ich brauche das Alleinsein. Ich möchte mich nicht jagen lassen. Ich möchte mich nicht überfluten lassen von Worten, Bildern, Informationen. Ich muß nicht alles wissen. Ich kann nicht alles wissen. Ja, ich möchte mir meine Informationen selber suchen. Ich möchte selber finden. Ich möchte mich aufmerksam zuwenden: mir selbst, den Menschen, den Worten, Bildern und dem Leben. „Jedes Ansprechen ist eine Berührung“, las ich bei Paul Celan. Ich möchte ansprechbar sein. Ich möchte angesprochen werden und ansprechen. Ich möchte mit meinen Worten berühren und genieße selbst mein Berührtsein durch ein Gedicht, ein Kunstwerk, durch Musik, durch die Geschichte eines Menschen.

Als ich vor einem Jahr die Welt der Social Media betrat, übergoss mich diese mir unvertraute Flut, die unbestellt beständig neue Bilder, Texte und Videos in mein Internet-Gesichtsfeld spülte. Ich spürte und beobachtete, wie sich meine Aufmerksamkeit zerstreute. Wie ich ermüdete und mehr und mehr Mühe hatte, längere Beiträge zu lesen oder zu hören. Und durch jedes Klingklong ließ ich mich unterbrechen, um nachzuschauen, welche Bewegung inzwischen in der Welt meiner Accounts stattgefunden hatte. Ich erwog, mich aus der virtuellen Welt wieder zurückzuziehen. Doch es gab Menschen, die mir lieb geworden waren bei Facebook, Twitter, Instagram. Und ich mag dieses in Echtzeit Verbundensein. Inzwischen habe ich die Einstellungen geändert, die Benachrichtigungen ausgeschaltet bei iPhone und Rechner. Ich habe meinen Takt und meinen Rhythmus gefunden. So kann ich mir meine Aufmerksamkeit bewahren. So möchte ich weiterhin aufmerken, anmerken und  mir im besten Sinne „Merkwürdiges“ merken.

Ich danke herzlich für Ihre/Deine Aufmerksamkeit!

Und – was läßt Sie/Dich aufmerken?

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