Texte aus dem Archiv von Giselheid Schulz-Ëberlin

Gedichte & Gedanken – was bleibt

Wie bewahrt der Mensch sein Menschsein? –

Indem er sich in seiner Tiefe gründet, die Güte ist und Mitgefühl und Weite.

 

Ich habe meine Tür

ins Zimmer gestellt.

Worte schreiten herein,

besichtigen den Raum.

Mein Schweigen spricht.

Ein Satz nimmt Platz

und bleibt.

 

Innengrün

Im Verwehen der Nacht

höre ich deine Stimme.

Perlend entdeckt

reckt sich der Morgen

immergrün.

Ich erwache,

und löse meine Fahrkarte

zur Wiederkehr.

 

Reverse!

hineingeworfen ins Leben,

zufällig: eine Mischung aus Liebe und Angst

(nur diese zwei Innenorte bleiben),

rot und schwarz.

Geschenk das Eine, Aufgabe das Andere –

Lebensaufgabe vielleicht.

Reverse! Drehe schwarz zu rot.

 

Meine Stille ist weiß

und tintenblau.

Ich schäle Träume, entkerne Tage.

Ich kreise deine Frage

ein.

 

Der Schabbat

trägt den Alltag, wie das Schweigen die Worte trägt

und das Licht das Dunkel.

 

Letztlich

bleibt von allen Religionen nur ihr Schweigen.

 

Gott

hat sich aufgelöst

ins Leben.

Heute:

deine Worte

eine offene Tür:

herein!

 

Eidechse

Eidechsenart in deinem Blick

verwundert ich entdeck:

Schnell in der Sonne heiß gemacht

und schnell in dein Versteck.

Und als ich dich dann fassen wollt

an deinem langen Schwanz,

ließest du ein Stück davon zurück,

doch dich verlor ich ganz.

 

Ganzheit:

Aus gut und böse wird Erfahrung,

Schuld und Unschuld ergibt Verantwortung,

aus Himmel und Erde wird der Mensch.

 

Sie wohnt im Davor und Danach

und in der Zwischenzeit

hebt sie die Worte auf

und schneidet sie in Nacht und Tag.

Sie geht hinaus im Spiegelbild,

verliert sich und doch nichts;

und schreibt den Namen ein

in Stein und Meer und Sand.

 

Aus Abrahams Stein

keim ich dir entgegen.

Immer bist du größer

als mein Herz.

 

Die Tage sind schon gebucht,

die Nächte bestellt

und kassiert wird im Voraus.

Vernagelt jede,

auch die Katzentür;

struppig hockt dort

mein Wind.

Auf Mondpfaden fliehen.

Ein Dornbusch brennt.

 

Nur was ich kenne,

kann ich in Frage stellen.

Nur was ich selbst erkenne,

gehört mir.

 

Die Heimbuche ist gefällt,

das Nest geräumt, der Flug gebucht,

dein Fuß beringt mit Ort und Zeit der Geburt.

Zugvogel.

Ein Halt –

ein Streichen über das Gefieder –

ein Hier, ein

Hin –

fort.

 

Immer wieder Stille.

Hinter mir lassen.

Weitergehen. Heute

ist nicht gestern.

Morgen wird wieder

anders sein.

 

Vielleicht ist es die Verwunderung

über unsere eigene Größe,

die uns unsere Schönheit verbergen lässt –

bis wir wirklich unser selbst

sicher sind.

 

Zeit

ist nicht Geld;

Zeit

ist Lebenszeit.

 

Würde ich zurückkehren,

wäre ich doch ein Anderer, als der, der gegangen ist –

und der Ort wäre auch einer,

den ich nun mit anderen Augen sehe.

 

Gut unangepasst

kann auch

passend sein.

 

Nicht jeder,

der fragt,

will auch

hören.

 

Mein Reimspecht

Auf meinem Schreibtisch sitzt der Reim

und schnäbelt Wörter kreuz und quer;

jetzt wippt er auf dem Versenbein

und trippelt tänzelnd hin und her.

 

Willst du wohl endlich stille sein,

so murrt der Tisch gedankenschwer.

Wir sind doch hier kein Tanzverein –

du nervst nur und das Blatt bleibt leer.

 

Denk nicht, ich sei gedankenlos,

mit leichter und sonetter Feder

bin ich zwar klein und du bist groß,

 

holznäsig auch und gut zwei Meter

lang und breit und narrativ –

doch mein Schnabelhieb trifft tief.

 

 

Kurt

Kuckucksuhr schnurrt

ruft surrt

Kurt knurrt

huhu Kurt

such Kurt such

Blutwurstduft

Kurt sucht

schwups glucks

Schlund zuckt

Hund ruckt

Kurt pupst

puh Kurt puh

 

Die Zeit zeigt ihr Innen:

Erinnerungen stellen sich

in Halbtonschritten auf

bis hin zu hellem Schweigen.

 

Dort,

wo alles willkommen

und kein Beweis nötig,

wo Ankommen schon immer ist

und innen auch außen,

ist Glück hellwach durchsichtig.

 

Ich

und neben mir fließt die Zeit.

Mein Spiegel träumt dabei –

ich liege wach, treibe mit dem Strom,

und bin doch überall zugleich.

 

Tagtraum

Jeden Tag zur selben Zeit

morgens auf dem Amselast

macht sich ein Gedanke breit,

bleibt, bis er mich ganz erfasst.

 

bau mit ihm im Wind ein Haus,

weit hinaus ins Traumgeäst,

mal die Wolken farbig aus

und dann steck‘ ich oben fest.

 

Wenn alles gefunden,

und nichts mehr verloren gehen kann,

wie dann leben?

Gelassen, gehen lassend, liebend.

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