Schafe und Baum Giselheid Schulz-Ëberlin mein Modell: vier Typen

Vier gewinnt auf dem Social Media Spielfeld

Vier Typen. Vier Strategien.

Das Kuschelschaf oder „Ohne dich ist alles doof!“

Kennen Sie die Postkarten von „Sheepworld“ mit dem Spruch: „Ohne dich ist alles doof“? Diese Comics bilden das Kuschelschaf als bekannten und beliebten Sympathieträger ab: Es ist weich, warm, kuschelig, freundlich und gar nicht gern allein. Alleinsein empfindet es als Unvollständigsein. Als Single ab Sonntag Mittag allein zu Haus zu sein, ist ihm ein Graus. Am glücklichsten ist es mittendrin in seiner Herde. Es sucht und braucht den weichen Gleichklang und das Gleichschwingen mit anderen. Mit seinem „Mäh“ vergewissert es sich, dass es dazugehört und prüft immer wieder, wo es in der Herde steht. Seine Herde bildet seinen Referenzrahmen. Und nur inmitten seiner Herde fühlt es sich ganz. Immer ist es mit einem Ohr und Auge bei seiner Herde um keine wichtige Regung und Bewegung zu verpassen. Sei diese Herde nun Familie, Firma, Freundeskreis oder Verein. Was es auch tut, Hauptsache: „Mittendrin!“. Die drängendsten Fragen in der Welt eines Kuschelschafs lauten: „Hat er/sie mich noch so lieb (wie vor einer halben Stunde)?“, „Hab ich gerade was verpasst?“ und „Wo stehe ich momentan in der Hierarchie der Herde?“. 

Bei der Herde zu bleiben, mit der Herde Schritt zu halten, also gut mitzulaufen und laut und deutlich „Mäh“ zu sagen, ist das Wichtigste, was es für ein Kuschellämmchen zu lernen gilt. Dann hat es alles richtig gemacht. Dann kann es nicht verloren gehen.  

Ich erinnere mich an ein Erlebnis in meiner Kindheit: 

Gelegentlich besuchte meine Familie Verwandte auf dem Land. Bei einem dieser Besuche, bei meinem Cousin, einem Tierarzt und seiner Familie, sah ich hinterm Haus auf einer kleinen Wiese ein Schaf stehen. Ich wollte mich mit ihm anfreunden. Also öffnete ich das Gatter, trat auf die Wiese und ließ mich dann auf allen Vieren nieder. Ich spielte Schaf, rupfte mit dem Mund Gras – das schmeckte nicht – doch das Schaf zeigte keinerlei Interesse. Kam ich ihm näher, wich es aus. Auf mein „Mäh“ antwortete es nicht. Nach einer Weile gab ich das Spiel auf. Ich erlebte, was Albert Einstein einmal so treffend formulierte: 

„ Um ein tadelloses Mitglied einer Schafherde sein zu können, muss man vor allem ein Schaf sein“.  

So sehr ich auch versucht hatte, mich möglichst „schafig“ zu verhalten, hatte mich doch das Schaf als Nichtschaf und damit als „nicht richtig“ erkannt. 

Im digitalen Zeitalter nennen sich Kuschelschafe „Follower“ und sammeln sich bevorzugt bei Instagram und Facebook; und am liebsten in den großen Herden mit mindestens 5000 Gleichgesinnten. „Kuschelschafe“ bilden die größte Gruppe der Gesellschaft und der Online-Gesellschaft. Und darin besteht auch ihre größte Macht. Sie bilden die Mehrheit. Und sie bilden die Mehrheit der Angestellten. Geduldig mähen sie die Wiese dessen, der sie hält und anstellt. Von Natur aus freundlich und umgänglich zeigen sie sich zudem robust und dickfellig. Sie lassen sich bereitwillig führen. Sie folgen gern dorthin, wo das Gras grüner ist. Sie möchten keinen Trend ihrer Herde verpassen und folgen dem, was gerade angesagt ist. Sie wissen, was sich gehört, was man wann und wo sagt; sprechen mühelos und fließend Smalltalk, kennen für jede Situation das richtige: „Mäh!“. Sie haben immer ein „like“ in der Tasche. So bestätigen sie sich beständig gegenseitig: „Ich hab dich lieb – du hast mich lieb“. 

Und wem folgen sie?

Dem Leithammel!

Der Leithammel ist der, der lieber führt als folgt. Er ist der Animator seiner Herde. Er liebt die Bühne. Er braucht die Bühne. Und er schafft sich seine Bühne. Er will gesehen werden. Er lebt von der Aufmerksamkeit seiner Herde. Nicht gesehen werden wäre gleichbedeutend wie nicht zu sein. Sein Leben ist Performance. Je größer seine Herde ist, um so besser. Er ist der, der Trends in Szene setzt, der sich in Szene setzt. Er ist der typische Influenzer, der Speaker auf großen Bühnen, das Idol von vielen. Er lebt auf Instagram und Facebook und seine Gruppen sind gewöhnlich offene Gruppen. Kleine angehende Leithammel spielen täglich vor dem Spiegel der Herde Bockspringen, Hornstoßen und Vorneweglaufen. 

Und was ist mit dem sogenannten „schwarzen Schaf“? 

Auch das „schwarze Schaf“ definiert sich aus seinem Bezug zur Herde. Nur eben nicht in positivem sondern in negativem Verhältnis. Zumeist fühlt und findet es sich zunächst unglücklicherweise immer und immer wieder trotz aller seiner Bemühungen an den Rand gedrängt. Und irgendwann erkennt es und benennt es sich selbst als das „schwarze Schaf“ seiner Herde. Vielleicht inszeniert es das dann auch und richtet sich in dieser Randgruppe gemütlich ein. Auf der Spielwiese von Facebook sorgen seine Kommentare für Empörung beim angesagten Leithammel und seinem Gefolge. Das „schwarze Schaf“ wird oft vom Leittier einer Gruppe entfreundet und geblockt. 

Da Schafe nicht die allerschlausten Tiere sind, passiert ihnen jedoch manchmal auch ein Irrtum. Was vier Beine hat, ein Fell und dazu etwa schäfchengroß auf ihrer Spielwiese erscheint, wird auf den ersten Schafblick zunächst als Schaf benannt. Ist dieses Etwas nun nicht schäfchenweiß, dann eben als „schwarzes Schaf“. Doch mitunter ist dieses vermeintliche Schaf: 

Der Hütehund!

Ein Hütehund hat seinen ganz eigenen Bezug zur Schafherde. In seinen Genen steckt das Hüten, das Achthaben auf die Herde, das Zusammenhalten, so dass niemand verloren geht. Ethik ist ihm implizit. Er hat eine Mission, die ihn antreibt. Sein Augenmerk ist vor allem auf die „schwarzen Schafe“, auf die kranken und auf die schwachen gerichtet. Er kennt jedes Schaf seiner Herde beim Namen. Mal rennt er mit hängender Zunge und treibt die Herde. Mal ruht er sich aus. Seine größte Herausforderung besteht darin, die gute Balance zu finden zwischen Ruhe und Tun. Und darin, einzusehen, er allein kann – und muss auch nicht – die ganze Welt retten. Als junger Hund folgt er der Frage und Spur: „Wer bin ich?“ und auch: „Wer sind die Anderen?“. Es gilt zu klären: „Bin ich ‚schwarzes Schaf‘ oder doch nicht?“. Ein Hütehund lernt, sich nicht von der Herde treiben zu lassen, sondern selbst die Herde in die gewünschte Richtung zu treiben. Er lernt, Signale zu geben, Anweisungen zu bellen. Er entwickelt seine natürliche Hütehundautorität. Er beißt auch mal dem Leithammel ins Bein. Auch Hütehunde sind vornehmlich auf Facebook zu finden. Sie gründen geschlossene Gruppen. Ihnen ist eine persönliche Beziehung zu ihren Followern wichtig. Sie sind zumeist: Coaches, Trainer, Therapeuten, Sozialarbeiter, Pädagogen oder kommen aus dem medizinischen Bereich. Und viele von ihnen kennen aus frühem eigenem Erleben, wie es sich anfühlt, als vermeintlich „schwarzes Schaf“ angesehen zu werden.

Und wo ruhen sich Hütehunde am liebsten aus? 

Unter einem Baum!

Als ich 2004 nach Göttingen kam, wohnte ich zunächst im Wohnheim in der Nähe des Klinikums. Und wann immer ich in die Innenstadt ging, nahm ich den Weg durch den botanischen Garten. Jedesmal beobachtete ich an mir, dass ich unwillkürlich meine Schritte verlangsamte, sobald ich durch den Eingang trat und den Schatten der ersten Bäume spürte. Ich nahm die Ruhe war, die von den Bäumen ausging. Unter dem kleinen japanischen Ahorn, neben dem ein kleiner Pfad Richtung Teich führt, blieb ich meist einen Moment stehen und schaute durch seine roten Blätter hoch in den Himmel. Dieser Ahorn ist mein Lieblingsbaum, dort, im botanischen Garten. 

Ein Baum steht für sich. Je älter und größer, um so sichtbarer für seine Umgebung. Tiefstes und Höchstes sind ihm vertraut. Er wurzelt in der Tiefe. Über sein Wurzelwerk ist er sensitiv mit seiner Umwelt verbunden. Seine Krone reckt sich nach dem Licht. Sein Stamm streckt sich in die Höhe, wenn man ihn lässt. Ein Baum ist stark, seine Blätter empfindsam. Tiefes und komplexes Verarbeiten innerer und äußerer Reize zeichnet ihn aus. Er nimmt sich wahr, als ein vollständiges Ganzes, eine eigene Welt. Er ist selbstverständlich sein eigener Referenzrahmen. Er ruht in sich selbst. Und von ihm geht Ruhe aus. 

Die Themen des jungen Baumes sind Haltung und Präsenz. Seinen Standpunkt behaupten, seinen Raum einnehmen. Sich den Jahreszeiten anvertrauen. In Jahresringen denken. Wissen und hoffen: Irgendwann: Blühen und Früchte tragen. Und dann im Alter: Ein Ruheort sein. 

Bäume mögen Baumgruppen bilden, jedoch kein Herden. Sie zeigen kein Herdenverhalten. Und eine Herde beeindruckt einen ausgewachsenen Baum nicht. Sie kommt, sie geht und er steht weiterhin gelassen auf seinem Platz. Ein Baum ist nicht kuschlig. Ein Baum bellt nicht und sagt auch nicht „Mäh“. Seine Blättersprache ist leiser. Doch er schenkt dem, der bei ihm verweilt, Schatten und teilt mit ihm bereitwillig seine Früchte. Wenn ein Schafbock ihn stößt, wird er nicht zurückweichen. Dass Hunde ihm gern ans Bein, also an den Stamm pinkeln, ist ihm vertraut und stört ihn herzlich wenig. 

Bäume meiden das laute Getümmel auf Instagram und Facebook und sind dort nur spärlich vertreten. Doch um so reichlicher auf Twitter. Es sind die Nachdenklichen: Philosophen, Wissenschaftler. Es sind die Feinsinnigen: Poeten, Autoren, Künstler und Kreative. Viele von ihnen haben und pflegen ihre eigene Webseite, sind Künstler und Poeten in einem und verknüpfen die kreativen Disziplinen. Sie beherrschen die Kunst, mit Menschen, denen sie noch nie persönlich begegnet sind, langsam wachsende tiefe Beziehungen zu pflegen. Sie heben Unsagbares ins Sagbare, berühren einander durch erkennendes Wort, Poesie, Malerei und Photographie. Sie sind einander fern und nah zugleich. Sie wissen und bejahen: Eine letzte Einsamkeit bleibt einem Baum immer. 

Haben Sie sich erkannt?

Welcher Typ sind Sie? Was bedeutet das für Ihr Tun und Ihr Sein? Wenn Sie Ihr Tun auf Ihr Sein gründen möchten, werden Sie als anerkanntes Kuschelschaf beständig Ihre Social Media abgrasen, Ihren Lieblingshashtags auf Instagram folgen, sich bestmögliche Informationen und Inspirationen in offenen und geschlossenen Gruppen auf Facebook holen und für einen freundlichen Umgang in Ihrem Umfeld sorgen. Sie wissen, wie sie in Konfliktsituationen ungeschoren davonkommen. Sie kennen die Regeln für unauffällig gefälliges Bewerben. Wenn Sie tun, was alle tun, können Sie nichts falsch machen. Wenn Sie ein Leithammel sind, werden Sie Freude und Erfolg darin finden, Ihre Follower beständig zu animieren, zu inspirieren und zu bespaßen. Sie wissen, die Aufmerksamkeit der Menge gilt es zu gewinnen und zu behalten – und es ist Ihnen ein Vergnügen! Wenn Sie ein Hütehund sind, folgen Sie Ihrem feinen Gespür für Sinn und Erfolg. Sie hüten mit Liebe und Geduld Ihre kleine besondere Herde. Sie achten auf sich. Sie holen sich Rat und erholen sich unter dem Blätterdach Ihres Lieblingsbaums. Sie erlauben sich Pausen, auch Social Media-Pausen. Wenn Sie ein Baum sind, wissen Sie, dass entsprechend Ihrer Natur auch Ihr Business und Erfolg langsam wächst. Doch Sie wissen auch, was Sie erschaffen, besteht wahrscheinlich über Ihren Tod hinaus. Sie pflegen Ihre Vernetzung mit anderen Bäumen. Sind Freund derer gleichen Alters und Mentor der Jungen. Sie sind Gastgeber, Berater und Ruheort für Einzelne, für vertraute Hütehunde und für schräge Vögel ebenso. Sie suchen nicht den Beifall der Menge. Sie suchen nicht die Menge. Sie brauchen die Menge nicht. Sie stehen für sich und werden durch Ihre natürliche Präsenz gesehen. Man kennt Sie vor Ort. Wenn Sie online in Erscheinung treten, dann meist mit einer exzellenten Homepage. Wer Sie finden will, wird Sie finden. Das genügt. Sie twittern gelegentlich, doch Sie können gut auch ohne Social Media, Sie können gut: Offline leben. 

Giselheid Schulz-Ëberlin

Autorin & Eigen-Sinn-Coach

www.giselheid-schulz-eberlin.de

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