Coronavirus

AHA, AHA, Hauptsache gesund!

AHA, AHA, Hauptsache gesund!

Abstand heißt jetzt Anstand;

und wir waschen unsre Hände, 

und wir waschen unsre Hände, 

und wir waschen unsre Hände rein:

am Tod eines Menschen wollen wir nicht schuldig sein.

Maske auf und gut, das ist der neue Mut!

AHA, AHA, Hauptsache gesund!

Neuartiges Virus, neuartiges Virus! 

Neuartige Situation! 

Neuartige Maßnahmen erwarteten wir schon,

denn wir folgen herdenartig —

artig der Gesundheitsreligion.

Regierung, Regierung, wir wollen starke Führung!

AHA, AHA, Hauptsache gesund!

Maske auf, Klappe zu, Tod dem Tod!

Sicherheit statt Freiheit wird zum obersten Gebot.

Denn Gesundheit ist, 

das ist gewiß, das höchste Gut. 

Und wer ausschert, den trifft unsre Wut!

AHA, AHA, Hauptsache gesund!

Wir folgen einem neuen Trend,

der sich Alltagsmaske nennt! 

Wir nähen und nähen und fühlen uns innovativ,

denn ob geblümt, oder mit Punkten oder anderem Motiv,

tragen wir artig und eifrig unseren Teil dazu bei:

AHA, AHA, Hauptsache gesund!

Maske auf und Klappe zu; — schon gibt die liebe Herde Ruh.

Trage Maske, bleib daheim, es ist so leicht, ein Held zu sein.

Und achte auf Familie, 

Freunde, Bekannte, 

ermahne auch Verwandte.

AHA, AHA, Hauptsache gesund!

Wir wollen doch für alle nur das Beste. 

Doch wer nicht mitmacht, ist für uns der Allerletzte,

wird sofort erkannt und benannt 

als Egoist und Ignorant, als Spinner, 

als kaltherziger neoliberaler Wirtschaftsbestimmer, 

als unmenschlich, als Nazi, als schwurbeliger Typ mit Aluhut. 

Doch wir sind gut!

AHA, AHA, Hauptsache gesund!

Ja, wir wissen, was man weiß, und genaues weiß man nicht. 

Und wir wissen ganz genau, was sich gehört.

Wir sahen die Bilder von Bergamo, Mutti sagt uns Zahlen und dann ist es so. 

Wir sind ängstlich aufgestört.

Wir gucken ganz viel fern und wir hören auf die Presse 

und wir hauen auf die Fresse, dem der meint, 

dass er was andres weiß!

(Denn: Wie dumm ist der denn?)

Wir rufen rufen schnell herbei unsre Gesundheitspolizei!

AHA, AHA, Hauptsache gesund!

Desinfizierte Umgangsformen werden neuartige Normen. 

Und Social Distancing ist das neue Dancing. 

Wir beäugen und umkreisen uns mit wachsamem Blick. 

Wir schauen nur nach vorn und schauen nie zurück.

Wir sind artig und erwarten unsern Lohn:

mit etwas Glück kommen wir ungeschoren davon!

AHA, AHA, Hauptsache gesund?

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst des Coronavirus.

Ein Schatten geht um in Deutschland, ein Schatten der Vergangenheit, ein aus Beschämung erwachsener Reflex, heute und jetzt jedes Leben zu retten. Die alten Bilder von Euthanasie, Konzentrationslager, Krieg und Nationalsozialismus, Faschismus und Völkermord, liegen wie Photos im Album der Geschichte, epigenetisch ins Deutsche eingeschrieben, sind dort konserviert, wurden in den Raum des kollektiven Albtraums verdrängt und verschoben und somit im Genotyp schlummernd abgelegt. Das Negativ dieser alten vergangenen Photos, das Negativ der Geschichte erscheint jetzt:

Das Pendel schlägt derzeit aus von „böse“ zu „gut gemeint“, — denn das Gegenteil von „gut“ ist zumeist nicht „böse“ sondern eben „gut gemeint“. 

Gesundheit und eine möglichst lange Dauer der biologischen Existenz wird in diesen Tagen zum höchsten Gut erklärt. Der Erzfeind heißt Tod. Sterben heißt verlieren. Über 65-Jährige werden wohlmeinend, jedoch ungefragt, in vorauseilendem Gehorsam und Aktionismus, zur Risikogruppe und zu Hilflosen, erklärt. Sie werden nicht gefragt nach ihren persönlichen Werten, nach ihren persönlichen Entscheidungen, nach ihrem Willen für ein für sie gutes Leben und ein gutes Sterben. In bester Absicht, um sie vor einer Virusinfektion zu schützen, finden sie sich unversehens, in sozialer Isolation zu Hause bis hin zu „Einzelhaft“ in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Altenheimen wieder. Ob sie diesen Preis zahlen wollten, wurden sie nicht gefragt. Sie wurden kurzerhand entmündigt und damit entwürdigt. 

Unser Grundgesetz sagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. 

Ich lasse mir meine Würde nicht nehmen.

Ich stehe für meine Werte eines guten Lebens und eines guten Sterbens.

Wofür stehen Sie?

Was gehört für Sie zu einem guten Leben und zu einem guten Sterben?

Wie möchten Sie leben? Wie möchten Sie sterben?

 

5.Mai 2020 Giselheid Schulz-Ëberlin

 

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